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Philips „Lisette“ und Radio Luxemburg (1967)

 

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung aus 'René Zey: Der Junge mit dem Radio. Autobiografischer Roman (Manuskript 2015)'.

 

lisette.jpg Zu Weihnachten 1967 bekam ich das Transistorradio Philips „Lisette“ – ein 20 Zentimeter breiter und 10 Zentimeter hoher Kasten aus grauem Kunststoff. Der schmale Griff war umklappbar und diente entweder als Tragebügel oder zum Aufstellen des Kofferradios in geneigter Stellung. Da die seitlichen Befestigungs­schrauben schnell ausleierten, war das eine wacklige Angelegenheit. Auf der Vorderseite des Radios saß links hinter einer Abdeckung aus verchromten Plastikrillen der Lautsprecher, daneben befand sich die UKW- und MW-Skala. Ihr quer liegender roter Zeiger ließ sich mit Hilfe des Rädchens am rechten Rand bewegen. Die Skala war groß genug, um die Kürzel der Sender anzuzeigen.

 

 Ich stellte die Lisette mit weit ausgefahrener Antenne auf die Fensterbank, drehte den silbernen Stab mal in die eine, mal in die andere Richtung, hörte unbefangen und vorurteilsfrei. Anfangs ließ ich wahllos die Ziele unter dem Stationszeiger vorbeiziehen, probierte aus, was der Kasten hergab. Manche Sender gewann ich für ein paar Stunden lieb, andere verstieß ich schon nach wenigen Minuten wieder. Ich memorierte Sender wie WDR und NDR auf der Ultrakurzwelle und sauste die Mittelwellenskala von 1606,5 kHz bis 526,5 kHz hinunter. Ich lauschte Radio Vatikan, dem Deutschlandfunk, Radio London und Radio Caroline. Doch immer wieder blieb ich bei Radio Luxemburg hängen, dessen Musik ich schon als Kind im VW Käfer meines Vaters gelauscht hatte.

 

 Radio Luxemburg sendete aus dem „Studio 4“ der Villa Louvigny, die im Stadtpark des Großherzogtums Luxemburg stand. Deshalb hörte ich mitunter durch die geöffneten Studiofenster Vogelgezwitscher im Park, Sirenen aus weiter Ferne oder ein Gewitter, das über der Stadt niederging. Der Moderatorenwechsel fand stets vor offenem Mikrofon statt: Mal raschelte Papier, mal wurde eine Aktentasche zugeklappt, oder die Tür zum Studio fiel mit einem dumpfen Knall ins Schloss.

 

 Radio Luxemburg war anders. Die Moderatoren duzten sich, sprachen sich mit Vornamen an, redeten, wie ihnen das Herz gewachsen war. Manchmal stand der Moderator der nachfolgenden Sendung auch im Stau oder jemand hatte seine Sendung einfach vergessen. Wenn Helga (Guitton) plaudernd Rolf (Röpke) verabschiedete oder Frank (Elstner) Camillo (Felgen) begrüßte, hatte ich ein Gefühl, live mit dabei zu sein. Die Moderatoren waren mir nah, denn die Atmosphäre im Studio war ungemein privat und locker. Wie inmitten einer großen Familie war das, mit der ich zusammen frühstückte, in der herumgealbert und zusammen gelacht wurde.

 

 Wenn ich aus der Schule kam, schaltete ich immer sofort das Radio an, egal ob ich Hausaufgaben machen musste oder nicht. Ganz schleichend wurde Radio Luxemburg zu einem Teil meines Lebens. Im Laufe der Wochen hatten sich aus den verschiedenen Sendungen, die ich gehört hatte, ganz bestimmte Stücke in den Vordergrund gedrängt: Dear Mrs Applebee, Gloryland, Judy In Disguise. Die summte ich mit, erkannte sie schon am Intro nach drei, vier Sekunden. Auf einige Lieder wartete ich sogar sehnsüchtig, hoffte, dass der Moderator sie spielen würde, damit ich die Texte mitsingen und noch einmal die Stimmung fühlen konnte, die mich beim Hören so satt und zufrieden gemacht hatte.

 

 Höhepunkt der Woche waren „Die Großen Acht“, die samstags zwischen 14 und 15 Uhr ausgestrahlt wurden. Camillo Felgen, Frank Elstner oder Viktor Worms hatten dafür ausgesuchte Plattengeschäfte angerufen, die Wochenlisten über die acht bestverkauften Songs geführt hatten und die Zahlen dann über den Sender bekannt gaben. Das Programm war international – ein Mix aus deutschen und britischen Songs. Sonntags lief dann die Hitparade. Von 14 bis 16 Uhr spielten entweder Camillo Felgen oder Frank Elstner die Charts von Nummer 20 an aufsteigend bis zum Spitzenreiter. Stimmkarten für die jeweiligen Lieblingshits lagen in 70000 Sparkassenfilialen im westlichen Bundesgebiet aus. Säckeweise Postkarten mussten für jede Sendung ausgewertet werden.

 

 An manchem Sonntag war ich der Junge mit dem Radio, hielt meine Lisette im Arm und ging nach dem Mittagessen um den Block, wenn die Hitparade lief. Ich setzte mich auf die Bank im kleinen Park oder ließ mich auf der Wiese hinter der Marienkirche nieder, wenn es um die vordersten fünf Plätze ging, denn es war spannend für mich, wer Lady Madonna, Delilah, Hey Jude oder sonst wen, der gerade auf Platz 1 stand, von seiner Position verdrängen würde. Diese Chartplatzierungen waren für mich eine Art von Lotterie. Ich testete meinen Geschmack daran aus, staunte mitunter, wie falsch ich lag und bekam ein Gefühl für das, was man Mainstream nennt.

 

 Wenn Radio Luxemburg sein deutschsprachiges Mittelwellen-Programm um 19.30 Uhr abschaltete, ertönte ein langsam verhallender Gongschlag, bis eine Männerstimme verkündete: „Your radio dial is on Radio Luxembourg.“ Ein kurzer Jingle wurde eingespielt, der in einen mehrstimmigen Chorgesang mündete: Ra-dio-Lu-xem-bourg – und schon begann der erste Song in einem schmissigen Rhythmus: For Goodness’ sake, I Got The Hippy Hippy Shake. Das Programm von Radio 208, wie es später hieß, war noch flotter und peppiger als das deutschsprachige. Tommy Vance, Paul Burnett und Barry Alldis schienen unter Hochspannung zu stehen, sprachen immerzu in die Intros der Songs hinein, kürzten sie rigoros am Ende, verhunzten alles im Sinne ihrer Personalityshows.

 

 Was das Hören von Radio Luxemburg allerdings zu einer nervigen Sache machte, war die geringe Sendeleistung. Sie wurde zwar 1968 auf 1200 Kilowatt verstärkt, was den Empfang tagsüber etwas erträglicher machte, aber abends schwammen die Songs und Stimmen wie in einem Herbststurm davon – was auf die gesamten Sender der Mittelwelle zutraf. Sie bestanden zu acht Teilen aus Störung im Verhältnis zu zwei Teilen Empfang und waren in einem permanenten Hintergrundgeschnatter vertreten.

 

 Gelegentlich brach das Signal laut, hässlich und verzerrt durch und beruhigte sich dann wieder. Aufnehmen konnte ich deshalb keinen einzigen Song, den Radio Luxemburg spielte, denn mal war der norwegische Schifffahrtswetterbericht im Hintergrund zu hören oder es mogelten sich finnische Zeitzeichen in die Melodie. Auf Kanal 6 und 33 sendete Radio Luxemburg zwar in UKW-Qualität, aber das war nur im Raum Köln und in der Eifel zu empfangen. Das Ruhrgebiet ging leer aus.

 

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René Zey, St.-Magdalenen-Straße 102, 50226 Frechen

 

26.01.2018

Kurze Erklärung des Verhaltens der Ausbreitungsbedingungen auf Mittelwelle:


Die Reichweite der Rundfunksender unterschied sich sehr stark zwischen Tag und Nacht und auch die Jahreszeiten hatten darauf Einfluß. Ursache: Die Ionosphäre (eine elektrisch  aktive Schicht in der Hochatmosphäre der Erde. Nachts reicht die Mittelwelle erheblich weiter (bis über 1500 km), dabei gibt es aber sogenanntes "Fading", Ursache für das Ansteigen und Abfallen der Signalstärke. mehr dazu hier.

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