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Aus dem Leben eines Rundfunk- und Fernsehtechniker-Lehrlings 1964 - 1967 in Berlin

 

ich-1964.jpg

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Der Begriff "Rundfunk-und Fernsehtechniker" kam erst nach 1960 auf, zuvor war "Radiomechaniker" angesagt. Es gab auch den Radio-Instandsetzer, der aber "nur" angelernt war.

 

Der Betreiber dieser WEB-Site damals-->

 

Ich begann meine Lehre als "Radio- und Fernsehtechniker 1964 in Berlin Tempelhof bei Radio-Lippmann. Das war ein recht großer Radio-Händler mit  drei Ladengeschäften (Karl-Marx-Str. 64, Hermannstr. 42/43, Friedrich-Wilhelm-Str. 13 Radio-Werkstatt), Tempelhofer Damm 203 (Hauptgeschäft)) und einer Fernseh-Zentralwerkstatt in Berlin Britz Tempelhofer Weg, nur wenige Meter vom damaligen Sender RIAS entfernt. Radio-Lippmann war schon einer der größeren Radiohändler in Berlin.

 

Ich hatte Glück gehabt, weil es damals nicht ganz einfach war eine Lehrstelle in diesem Handwerk zu bekommen. Der Beruf war recht beliebt, Viele suchten eine solche Lehrstelle. Radio hatte damals einen ganz anderen (höheren) Stellenwert gehabt. Es gab Radios in jedem Haushalt, es war noch vor dem Fernsehen DAS aktuelle Informationsinstrument.

 

Weiteres Glück hatte ich, weil auf dem Berufsschul-Lehrplan schon die Transistortechnik zu finden war, allerdings fehlte das Segment Farbfernsehen (wurde 1967 eingeführt (im Jahr meines Lehre-Abschlusses)).

 

Nochmal Glück hatte ich im letzten Jahr der Lehre, da bei Lippmann leider der Meister gestorben war: Wir Lehrlinge wurden teilweise von Radio-Wichmann in Charlottenburg (Horstweg 35 und Moabit Stromstr.) übernommen, der uns 1966/67 zu einem mehrmonatigen Stufen-Lehrgang "Farbfernsehen" bei Schaub-Lorenz schickte.

 

Zusammen mit  drei anderen Lehrlingen ging es am 1.4.1964 bei Lippmann los. Darüber hinaus  gab weitere Lehrlinge, die schon in späteren Lehrjahren waren. Die normale Lehrzeit betrug damals 3 1/2 Jahre. Es gelang mir aber, schon nach drei Jahren die Gesellenprüfung mit "gut" abzulegen. Aber ich schweife ab...

 

Die Lehrlinge wurden auf die Lippmann-Filialen in Neuköln, Tempelhof und die Fernsehwerkstatt verteilt. Ich kam zum Hauptgeschäft von Radio-Lippmann am Tempelhofer Damm, Ecke Friedrich-Wilhelmstr.  im gleichnamigen Bezirk. Die Radiowerkstatt lag dem großen Eckladen gegenüber in einer Erdgeschoßwohnung mit Ladenfront. Hier wurden die Radios zur Reparatur gebracht und abgeholt. Dahinter gab es zwei Werkstatträume, in denen  (mit mir gezählt) acht Gesellen und Lehrlinge und der Meister arbeiteten. Es war etwas beengt, da ja auch die Regale der Reparaturgeräte und des Materials raumgreifend waren.

 

Mir wurde ein Arbeitsplatz zugewiesen (der oben rechts auf dem Foto teilweise zu sehen ist), an dem ich die große Gitter-Matte, das Chassis-Wendegestell, den Lötkolben-Ständer mit Widerstands-Regler und das Philips Vielfach-Instrument  P817-00/01 und einen Werkzeugsatz vorfand.

 

Gutes Vielfach-Instrument: Philips P817-00/01 -->


Obwohl ich beteuerte, schon  RICHTIG löten zu können (mein Cousin Heinz Milius, der um 1949 schon bei Phonetika (später Stern-Radio Berlin Weissensee) im Prüffeld gearbeitet hatte, hatte mir das Löten schon beigebracht) musste ich eine Lötprobe abliefern. Meister Lipowski knurrte"Na dat kann er ja".

 

Die ersten Tage vergingen schnell, nachdem man sich in der Werkstatt zurecht gefunden hatte. Ich durfte gleich am ersten Tag ein Radio reparieren. Es war eine Philips Philetta B2D93A von 1959, wie hier vorgestellt. Nachdem ich die Rückwand abgeschraubt hatte, sah ich, daß die Lautsprecherröhre EL95 fehlte. Der Meister hatte alle Ersatzröhren unter Kontrolle und rückt knurrend eine gebrauchte EL95 raus: "Teste erstmal, ob nicht ein anderer Fehler vorliegt".

 

Nach dem Einsetzen der Röhre begann das Radio Nachrichten zu vermelden. Also zurück zum Meister und eine neue Röhre geholt.

 

<-- Philips Philetta B2D93A

 

Ich dachte in meiner Einfalt, damit das Radio repariert zu haben, baute die Rückwand an, vergaß den Antennenstecker einzusetzen und stellte das Radio in das "Fertig-Regal".

 

Oh, das war gar nicht gut. Der Meister stand sofort neben mir und knurrte: "Reinigen, Probelauf, vorzeigen, dann in das Fertig-Regal!!!". Mir war überhaupt nicht klar gewesen, dass man Radios reinigen könne (müsse) und Probelauf: Wie, was?

 

Ein Alt-Lehrling musste mir zeigen, wie das Reinigen gemacht wird, ohne alle Drähte abzureissen. Der erkannte auch, daß die Tastensatzkontakte noch ent-oxydiert werden mussten. Wie dem auch sei, irgendwann stand das Radio auf meinem Platz zum Probelauf. "Leiser" fauchten mich die  drei mit mir zusammen sitzenden Radio- und Fernsehtechniker an.

 

Nach 30 Minuten durfte ich dem Meister zur Endprüfung bitten. Er knurrte "Na also, geht doch", dann kam das Radio in das Fertig-Regal. Ich fragte bescheiden nach dem nächsten Gerät und erfuhr: Erst den Reparatur-Zettel ausfüllen! Jetzt war ich in der Welt der Radio- und Fernsehtechniker angekommen...

 

Es stellte sich heraus, dass der Probelauf wichtig  war. So manches Gerät fiel während des Probelaufs wieder aus, Radios hatten damals zu Radioröhrenzeiten eine deutlich höhere Fehlerquote. Röhrenradios wurden heiß und Hitze verursacht eben mehr Fehler, als in kühlen Transistorradios.

 

Schon nicht viel später  konnte ich aber eigenverantwortlich Geräte überprüfen, reinigen, reparieren, einen Probelauf machen und den Vorgang abschließen. Ich bemerkte bald, dass  andere Techniker sich geschickt bemühten, die besten (einfachsten) Reparaturen an Land zu ziehen. Schnell landeten Geräte, bei denen das Skalenseil gerissen war "zufällig" immer bei mir. Dazu muss man sagen: Viele Techniker hassen (bis heute)  Skalenseil-Reparaturen. Bis ich die "Heimtücke" durchschaut hatte, waren bei mir über 30 Radios diesbezüglich über den Tisch gegangen.

 

Aber, was soll ich sagen: MIR MACHTEN SKALENSEIL-REPARATUREN NICHTS AUS, im Gegenteil. Noch bis heute, mag ich das Auflegen von Skalenseil. Ach so, ähnlich war es auch mit Plattenspieler-Reparaturen, die wollte auch keiner machen. Mich störte das weniger, obwohl diese Mechanik-Steuerungen einen schon zum "Wahnsinn" treiben konnten.

 

Es war damals nicht unüblich, Lehrlinge (Auszubildende) als Springer einzusetzen. So konnte es vorkommen, dass man mit dem Firmen-Lieferwagen (VW-Bus) auf Liefer-Tour ging. Dabei wurden dann Fernseher und Musiktruhen ausgeliefert oder zur Reparatur abgeholt. Wir Lehrlinge mochten diese Touren, da fast immer Trinkgeld abfiel. Auch konnte ein Einsatz auf dem Grundstück des Chefs vorkommen, um dort ein Autoradio einzubauen. Schließlich kam ein Einsatz im Laden zur Verlegung eines neuen Antennen-Ringkabels in Betracht und viele ähnliche Aufgaben. Ich war knapp ein Jahr in dieser Radio/Tonband/Phono-Werkstatt, dann ging es weiter in die Fernsehzentralwerkstatt. Dort waren es die letzten Jahre vor Einführung des Farbfernsehens 1967.

 

Fernseher-Reparaturen waren ganz anders. Die Geräte waren viel schwerer und sperriger als Radios. Sie vefügten über gefährliche Baugruppen (Bildröhre mit der Implodier-Gefahr und dem Hochspannungsteil). Weiter waren diese Geräte fast immer galvanisch am Stromnetz, das bedeutete Stromschlaggefahr beim Anschluß von geerdeten Antennenanlagen. Deshalb mußte der Sicherheitsaufwand in Fernsehwerkstätten deutlich höher angesetzt werden: Trenntransformatoren, Sicherheits-Schnellstromabschaltungen für Werktische, usw. Die Gerätetechnik war komplizierter: Tuner, Bild / Ton - ZF, Videostufe, Amplitudensieb, Bildkippteil, NF-Stufe, Zeilenkipp-Teil, Hochspannungsteil, Netzteil.

 

Da unser Meister verstarb (dessen knurrige Art nur Schutzmaske war und er war ganz in Ordnung!) und kein Ersatz für ihn aufgetrieben werden konnte , musste Radio-Lippmann die Lehrlingsausbildung aufgeben. Die Innung brachte uns Lehrlinge in verschiedenen Radiogeschäften zur weiteren Ausbildung unter.

 

Zusammen mit meinem Mitlehrling Bernd V. kam ich bei Radio-Wichmann in Charlottenburg (Horstweg 35) mit Filiale in Moabit (Stromstr. 56)  unter. Dort wurde ich haupsächlich in der Tonband-Werkstatt und Radio-Werkstatt eingesetzt, schließlich auch wieder im Bereich Fernsehen.

 

Nach Rücksprache mit der Innung, der Berufsschule (Lehrer Krause) und dem Chef meldeten wir uns nach drei Lehrjahren vorzeitig zur Prüfung an.

 

gesellenstueck-1.jpgGesellenprüfung: Neben der theoretischen Prüfung gab es auch eine Arbeitsprobe, die in meinem Fall den Aufbau eines transistorisierten NF-Verstärkers  vorsah. Dazu bekamen wir eine Bauteile-Tüte mit Lochrasterplatte, ein Schaltbild (aber ohne Bauteile-Bemessung). Wir hatten zwei Stunden Zeit, das Gerät aufzubauen. 

 

<-- Arbeitsprobe zur Gesellenprüfung 1967

 

Nach der Gesellen-Freisprechung lud uns der Chef in das Funkturm-Restaurant zu einer kleinen Feier (an der KEIN Alkohol gereicht wurde), an der auch der Meister T. teilnahm.

 

 

Schaltbild der Gesellenprüfung-Arbeitsprobe.

 

Nochmal zurück zu Radio-Lippmann: Da die Entlohnung nicht besonders hoch war (eher sehr niedrig, zumindest im ersten Lehrjahr), besorgte ich mir alsbald einen Werkzeugkoffer, der auch die wichtigsten Röhren und Ersatzteile beherbergte, um fleissig Privat-Reparaturen durchzuführen. Man wurde in der Verwandschaft und Bekanntschaft (die wurde schnell größer) herumgereicht. Da kam deutlich mehr Geld zusammen, als der karge Lehrlingslohn es bot.  Das führte zu einem gewissen finanziellen Polster, um sich das eine oder andere leisten (z.B. ein Kreidler Florett Kleinkraftrad. Hier nur als Modell) zu können.

 

Alles zusammen sind doch so einige hundert Geräte in diesen Jahren durch meine Hände gegangen. Man hat viel erlernt (davon viel selbst erarbeitet, weil seitens des Ausbildungsbetriebs in der Ausbildungsqualität Luft nach oben war).

 

Die Jahre in den oben erwähnten Radio-Werkstatt-Räumen sind mir trotzdem in guter Erinnerung. Gedankliche Grüße an Herrn Zimmermann und an Herrn Höhlig und an Bernd V...  (meinem Mitlehrling)  soweit sie nicht schon den Lötkolben für immer aus der Hand gelegt haben.

 

Es war auch nach der Lehrzeit ein schöner und interessanter Beruf, Jahre im Innen-Dienst,  Jahre im Außen-Dienst (dabei so manchen Prominenten  kennengelernt, z.B. Martin Held, Eckard Dux, Herbert von Karajan, Götz George, Axel Springer,  usw) , Jahre als Betriebsrat, Jahre als Gewerkschafter.

 

Radio- und Fernsehtechniker, ein Beruf, den es schon lange so nicht mehr gibt, alles hat seine Zeit.

 

 


 

Eines meiner "geliebten" Skalenseile:

... mehr zu Skalenseilen

 

Da wir gerade beim Thema Skalenseil sind, hier quasi als Beleg für meine gedankliche Nähe zu Seilzügen einen Auszug aus meinen Wochenberichtsheften (die Berichte mußte der Lehrling jede Woche schreiben, sie wurden vom Meister gegengezeichnet und bewertet). Neben der Arbeit und Ausbildung im Betrieb stand wöchendlich ein Besuch in der Berufsschule an.

 

wochennericht-1.jpg  wochennericht-2.jpg

- anklicken -

 

 



 

Hier noch ergänzend die Berufsgeschichte meines Cousins Heinz Milius (siehe weiter oben), der auch mich indirekt auf den Berufsweg des Radio-Fernseh-Technikers gebracht hat:

 

Mein Cousin Heinz wurde schon bald nach Beginn des zweiten Weltkriegs schwer kriegsverletzt (Silberplatte am Hinterkopf, Verlust des rechten Beines) und wurde so vom Wehrdienst freigestellt.

Durch eisernen Willen kämpfte er sich zurück ins Leben. Er hatte durch meinen Onkel (seinem Vater, der früher Radioamateur war) einen gewissen Bezug zum Radiobasteln. So half er bald bei einem Radiohändler mit Werkstatt, Radios zu reparieren und auch neue aus Ersatzteilen zusammen zu bauen. Nach Kriegsende wurden bald in Berlin Fachleute gesucht, die sich mit der Radiotechnik auskannten.

So ging er bald zu Phonetika in Berlin Weissensee. Später wurde aus Phonektika Stern Radio Berlin. Zuerst wurde er in der Fertigung eingesetzt, aber das ging nicht lange wegen seiner Kriegsverletzung gut. Deshalb wechselte er in die Endkontrolle und den Reparatur-Service von Phonetika über.

Er erzählte mir immer wieder mal Geschichten von damals. Wie schwierig es war, auch nur Kleinserien von Radios zu produzieren. Wegen der Reparationslieferungen an die Sowjetunion gab es erhebliche Bauteilebeschaffungs-Probleme. Man versuchte aus allen möglichen und unmöglichen Quellen Bauteile zu beschaffen.

Es war deshalb auch üblich, immer wieder Schaltungen zu ändern, Bauteile zu variieren. Es war Flexibilität angesagt. Hat ihm aber trotzdem Spass gemacht.

Heinz bekam dann um ca. 1950 ein Angebot von Loewe Opta in West-Berlin und ist dann dorthin gewechselt. Schließlich aber wechselte er den Beruf wegen seiner Kriegsverletzungen und wurde "Bankbeamter". Radiobasteln betrieb er immer weiter und setzte so auch indirekt bei mir den Radio-Floh ins Ohr ...

... mehr  zu Phonetika / Stern Radio Berlin.

 

 



 

 

 

20.08.2018 / 02.12.2018

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